Drive is life: Warum der Truck cooler ist als das Büro

Pink Power

Chrystelle Schafroth lebt ihren Traum. Die 26-Jährige fährt einen Actros-Gliederzug. Ein Männerjob? «Ich geniesse jeden Tag!»

Nur noch wenige Meter Beschleunigungsstreifen. Chrystelle konzentriert sich auf den Seitenspiegel und sucht die Lücke. Sie muss jetzt auf die Autobahn. Lichthupe von dem Kollegen links hinter ihr. Einfädeln. Chrystelles Actros zieht auf die A1 Richtung Lausanne. Fast Stossstange an Stossstange schiebt sich der Verkehr voran. «Hier ist regelmässig so viel los. Etwas stressig», sagt Chrystelle. Das Klicken des Blinkers stoppt. Vor ihr fallen die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf den Genfer See. Sie lehnt sich entspannt zurück und geniesst die Aussicht. «Das muss man sich auch mal gönnen», sagt sie. «Bei uns kann man nämlich nicht den Tempomat einschalten und stundenlag in eine Richtung fahren. Es gibt immer was zu tun», sagt sie. «Und das ist auch gut so!»

Eine Stunde zuvor: Chrystelle Schafroth steht mit ihrem Actros 1840 am Bahnterminal von Daillens in der Schweiz, nordwestlich von Lausanne. Die 26-Jährige arbeitet für die Dreier AG. Das Unternehmen ist Profi für den kombinierten Verkehr auf Schiene und Strasse. Fast alles, was Daillens auf der Schiene erreicht, verteilen die Dreier-Trucks in der Region.

Chrystelles Auftrag wird sie heute bis nach Genf führen, die Wechselbrücke ist mit Textilien für eine grosse Modekette beladen. Sie öffnet die Fahrertür und legt ihre Handschuhe in die Ablage. Daumen hoch und ein kleines Lächeln für den Kollegen oben im Kran. Nächster Programmpunkt: ein Selfie mit dem Actros. «Ich schiesse immer mal ein Foto. Wenn mir eins gefällt, stelle ich es auch ins Netz. Trucks zu fahren gehört jetzt zu meinem Leben. Mir macht es Spass, das zu zeigen.» Entsprechend sieht ihr Instagram-Profil @swiss_pink aus: ein echtes Trucker-Tagebuch. Klar, es gibt auch niedliche Katzenbilder, doch die Hauptrolle spielt der wasserblaue Actros. 863 User haben ihre Fotos schon abonniert.

Da hat es klick gemacht.

Dafür, dass sie am Steuer des Actros sitzen kann, hat Chrystelle einiges auf sich genommen. Mit 19 arbeitete sie für einen Mineralöl-Lieferanten. «Ein Bürojob eben» – ihr Gesichtsausdruck verrät, was sie davon hält. Irgendwann aber begleitet sie einen Fahrerkollegen auf dessen Tour. «Das war’s, da hat’s ganz einfach klick gemacht. Seitdem weiss ich, was ich machen möchte. Von Autos und Motorrädern war ich schon immer fasziniert, aber jetzt toppen das die Trucks», sagt sie und grinst.

Es folgen harte Jahre. Um die hohe Summe für den Führerschein zusammenzukriegen, fährt sie unter der Woche einen Transporter und kellnert zusätzlich an den Wochenenden in einem Restaurant. Heute tut Chrystelle das mit einem Schulterzucken ab: «Dafür geniesse ich jetzt die Unabhängigkeit. Ich sitze allein im Lkw und treffe die Entscheidungen. Ausserdem sehe ich viel von der Region, meiner Heimat. Die Berge, die Seen – ich liebe das!»

Auf der Fläche des Distributionszentrums flitzen Umsetzfahrzeuge mit Wechselbrücken umher. Die Hydraulik des Krans surrt permanent. Fast im Takt ertönt das Rumpeln der Wechselbrücken, wenn sie auf den Boden aufkommen. Der Niederlassungsleiter bringt die Frachtpapiere. Chrystelle streift sich die gelbe Warnschutzjacke über und dreht eine Runde um das Fahrzeug, kontrolliert die Reifen, checkt Druckluft, Strom und Licht. Es kann losgehen.

Fahrer, Fahrerin, na und?

Immerhin rund 80.000 Kilometer ist ein Fahrer der Dreier AG im Jahr unterwegs. Jeden Tag kommen in Daillens auf der Schiene 40 Wechselbrücken für die Spedition an. Noch einmal 50 Touren fährt Dreier für das ansässige Distributionszentrum. Allein an diesem Standort sind 80 Trucker für Dreier unterwegs, darunter auch drei Frauen. «Fahrer, Fahrerin, das spielt bei uns keine Rolle», so Niederlassungsleiter Carlos Pfund. «Chrystelle und ihre Kolleginnen machen die Arbeit genauso gut wie die Männer.» Die Stellen bei Dreier sind gefragt. Die starke Wirtschaft der Schweiz und der moderne Fuhrpark des Unternehmens locken Fahrer aus ganz Europa hierher. «Ich habe hart dafür gearbeitet, jetzt geniesse ich den Job. Auch wenn er anstrengend ist», sagt Chrystelle. Die engen Ortsdurchfahrten, die starken Steigungen und Gefälle – für Fahrer und Lkw sind anspruchsvolle Touren an der Tagesordnung. Zudem sind sowohl Autobahnen als auch Landstrassen mautpflichtig. Die Transporte müssen also wirtschaftlich sein. Dreier versucht, mit modernen Trucks und guten Fahrern so effizient wie möglich zu arbeiten.

Chrystelle fährt los. «Endlich», sagt sie, blickt in den Seitenspiegel und dreht das Lenkrad gefühlvoll nach rechts. Der Gliederzug rollt Richtung Ausfahrt. Im Radio läuft Punkrock. Ihre Finger, deren Nägel pink leuchten, tippen auf dem Bedienfeld im Lenkrad die Lautstärke nach oben. «Besonders mag ich das Design und das Fahrerhaus im Actros. Hier kann man sich wohlfühlen. Ausserdem ist das Handling des Trucks grosse Klasse. Das zählt.»

Zum ersten Kunden auf ihrer heutigen Liste geht es steil den Berg hinab. Eine Packung Kaugummis rutscht bis an die Windschutzscheibe. Chrystelle aktiviert den Retarder und verzichtet auf die Betriebsbremse. «Wenn du in der Schweiz fährst, wird der Retarder schnell dein Freund», sagt sie und lacht.

Was hält eigentlich ihr privates Umfeld davon, dass sie einen 40-Tonner steuert? «Ich habe viele Fahrer in meinem Freundeskreis. Für die ist das kein grosses Ding», sagt sie. «Mein Freund ist übrigens auch Trucker und fährt Actros. Manchmal kommt es schon vor, dass jemand komisch guckt, wenn ich aussteige, viele halten den Job immer noch für eine Männersache. Aber das ist kein Problem.» Chrystelle weiss sich zu helfen: «Als ich noch 3,5-Tonner gefahren bin, weigerte sich mal jemand, meinen Transporter abzuladen. Der meinte, eine Frau wäre da fehl am Platz. Da habe ich’s halt selbst gemacht.»

Pretty in pink.

In der Regel beendet sie ihre Touren abends an der Spedition. «Das ist okay, aber ich würde gern auch mal eine Zeit im internationalen Fernverkehr fahren. Das ist für mich der nächste Schritt, die grosse Freiheit», sagt sie und greift nach der weissen Sonnenbrille. Wie sieht es sonst mit der Zukunftsplanung aus? «Ich möchte einfach nur fahren. Das ist mein Traum. Die Zeit will ich geniessen. Dinge wie Familienplanung haben jetzt keine Priorität.»

Sie erreicht das Areal des Kunden in Genf. An der Rampe zieht sie mit dem Hubwagen Paletten aus der Wechselbrücke. Zwei weitere Stationen liegen heute noch vor ihr. «Ist einiges zu tun», sagt Chrystelle, während sie einen Blick auf die Frachtpapiere wirft. Sie hat jetzt ihre Jacke gegen eine pinke Warnweste getauscht. Und da ist dann doch der Unterschied zu den männlichen Kollegen – Pink steht ihr einfach besser.

 

Artikel von RoadStars

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Video von Martin Schneider-Lau